Astorplast Klebetechnik SE

Junger Kaufmann betreut alte Leute

Alfdorf. Eine Woche hat Andreas Gauss im Stiftungshof im Haubenwasen geholfen,gekocht und sich um die Bewohner gekümmert. Dabei macht er weder ein Freiwilliges Soziales Jahr, eine Ausbildung zum Pfleger noch ein Praktikum. Der 17-Jährige ist Azubi bei Astorplast. SeinemChef hat er es zu verdanken, dass er eine Woche in der Pflegeeinrichtungmitarbeitete. Er ist so begeistert, dass er den Geschäftsführer beruhigen will: Astorplast sei „auch super“.

Alexander Benisch wird hellhörig. Der geschäftsführende Direktor von Astorplast Klebetechnik erfährt gerade, dass sich sein Azubi stark für ein Berufsfeld erwärmt, das mit seinen Ausbildungsinhalten wenig bis gar nichts gemein hat. Fast schon enthusiastisch berichtet der angehende Kaufmann Andreas Gauss über seine Woche als Mitarbeiter im Stiftungshof im Haubenwasen. Er ist begeistert, musste über seinen Schatten springen, hat viele Erfahrungen gesammelt und einen gehörigen Respekt für ältere Leute und Pflegepersonal entwickelt. Doch Benisch ist höchst zufrieden. Genau das war der Plan bei diesem Pilotprojekt, das kaufmännische/gewerbliche Auszubildende und Berufsanfänger im Pflegebereich zusammenbringen soll.Kommen auch Sie zu uns!

Der Azubi Andreas Gauss sitzt eigentlich im Büro, wo er sich mit Fragen rund um Vertrieb, Einkauf und Finanzen beschäftigt. In der Pflegeeinrichtung stehen andere Dinge im Fokus.

Gauss war der erste Azubi, der eine Woche in einen fremden Beruf reinschnuppern sollte. Die Idee hatte Alexander Benisch. Er will, dass die jungen Leute nicht nur den eigenen Betrieb kennenlernen, sondern – je nach Kapazitäten – über den Tellerrand schauen, vorwiegend in der Region im Welzheimer Wald. Den Kontakt zwischen der Firma und dem Pflegeheim knüpften beide Seiten während der Ausbildungsmesse in Alfdorf. Sie planten eine Zusammenarbeit. Die Kooperation zwischen Institutionen vor Ort halten beide Seiten für wichtig. „Wir brauchen nicht nur Spezialisten“, sagt Benisch, „wir brauchen ausgewogene Persönlichkeiten, Mitarbeiter, die einen weiten Horizont haben.“ Die Woche im Pflegeheim soll die sozialen Kompetenzen der Beschäftigten stärken, ihnen zeigen, wie es woanders zu geht, welchen Belastungen andere Menschen ausgesetzt sind, körperlich, geistig und emotional. „Solche Erfahrungen können die Mitarbeiter bei uns nicht machen“, so Alexander Benisch, „aber das alles gehört zu unserem Leben“.

Azubi Gauss: „Am Anfang hatte ich Hemmungen“

Benisch, Hauswirtschaftsleiterin Friederike Elmer und Margit Hinderer vom Stiftungshof sind nach dem Start ihres Projekts sehr zufrieden, obwohl der Azubi zu Beginn sehr skeptisch war. „Am Anfang hatte ich Hemmungen und habe mich gefragt, ob das was für mich ist“, sagt Andreas Gauss offen. Es koste Überwindung, alte Leute zu füttern. Man habe ja die Vorstellung, dass im Heim nur „alte und gebrechliche Menschen“ leben. Was sollen junge Menschen dort, wenn sie keine Angehörigen besuchen? „Man muss seine Grenzen überwinden“, gesteht der 17-Jährige. Die Verantwortlichen im Pflegeheim haben ihn allerdings nicht ins kalte Wasser geworfen. Der Fokus steht auf Hauswirtschaft und Betreuung. Der junge Mann wurde zu nichts gezwungen. Das schützt aber nicht vor Herausforderungen, denen sich Andreas Gauss gestellt – und aus denen er viel gelernt hat. Mit einem Löffel alte Bewohner zu füttern, sei schwierig. Man sei ängstlich. Und eine ältere Dame aus ihrem Zimmer abzuholen, kann auch bedeuten, sie in Sachen Mode zu beraten und ihr in die Hose zu helfen. „Erst war es unangenehm“, sagt der Azubi, „doch es hat viel gebracht, über den eigenen Schatten zu springen“, sich „auf das Ungewisse einzulassen. Am Ende des Tages haut das einen um“, sagt er und legt nun, im Beisein seines Chefs, erst richtig los. 

„Man ist nach dem zweiten Tag ein neuer Mensch“

„So eine Erfahrung sollte jeder machen“, sagt er. Ob man das nicht in jedem der drei Ausbildungsjahre anbieten könne? Aber eine Woche reiche dafür nicht. „Das verändert einen, man ist nach dem zweiten Tag ein neuer Mensch.“ Nun sehe er den ganzen Pflegebereich mit anderen Augen, habe „einen unglaublichen Respekt“ vor der Leistung der Pfleger und der alten Leute. Durch diese Woche habe er einen Bezug zu fremden alten Leuten aufgebaut. „Ich fühlte mich verpflichtet, ihnen gute Laune zu machen“, sagt er. Er habe traurige Bewohner getröstet, instinktiv sei er vorgegangen, denn die theoretische Ausbildung fehle ihm ja. Hinderer und Elmer sind voll zufrieden mit dem angehenden Kaufmann. „Einige Bewohner werden nächste Woche nach ihm fragen“, ist sich Elmer sicher. Junge Leute würden Energie mitbringen. Doch das Projekt soll nicht nur in eine Richtung gehen. Zwar will die heimische Wirtschaft die soziale Kompetenz bei Ju-gendlichen stärken. Das war neulich erst Thema beim Wirtschaftsforum Welzheimer Wald und Wieslauftal. Doch sei es genauso wichtig und interessant, Pflegekräften Einblicke in kaufmännische und gewerbliche Abläufe zu bieten. 

Ein Artikel der Welzheimer Zeitung von Christian Siekmann vom 23. April 2014.